Intuition und Kinderbetreuung

Intuition und Kinderbetreuung…..

In meinem Arbeitsfeld als Sozialpädagogin begegne ich täglich Eltern, die von den Missverständnissen über die kindliche Entwicklung beeinflusst sind und leider ihre intuitive Vorgehensweise vergessen oder verdrängen.
Immer wieder höre ich, je früher Dies oder Jenes, desto besser ist es fürs Kind.
 Je früher die Kinder alleine im eigenen Kinderzimmer schlafen, je früher sie in die Betreuung gegeben werden, je früher sie abgestillt und mit der normalen Kost beginnen werden, je früher sie von den Eltern getrennt werden, je früher man ihnen „soziales Verhalten“ beibringt, je früher sie selbstständig werden, je früher sie mit Konsequenzen konfrontiert werden ……….. umso besser ist es für sie.
Ist das wirklich so? Wer behauptet das und warum?
Für wen ist es denn besser? Besser, weil weniger anstrengend – für die Erwachsenen?
Wenn die Kinder noch im Mutterleib sind, wissen wir auch genau, dass die „je früher desto besser“ Strategie nicht funktioniert. Bevor das Kind reif für die Geburt ist, muss es in Geborgenheit und Abhängigkeit wachsen dürfen. Hierin sind wir uns alle einig.
Wieso ändert sich das plötzlich nach der Geburt?
Für die kindliche Entwicklung ist es absolut ungünstig, nach dem Prinzip „je früher desto besser“ zu verfahren. Reife kann man nicht beschleunigen. Dafür braucht das Kind Zeit. Fragt euch bitte, warum muss das Kind mit 2 Jahren oder früher fremdbetreut werden? Oder warum direkt ab dem 3. Lebensjahr? Das sind aus meiner Sicht nicht haltbare und extrem ungesunde Empfehlungen, die hier in Europa kursieren und wissenschaftlich aber auch ethisch nicht zu rechtfertigen sind.
Warum muss ein kleines hilfloses Kindlein nachts alleine schlafen? Und warum soll das Kind so früh wie nur möglich eine Trennung von den Eltern durchleben?
Ich kenne auf diese Fragen viele Antworten von den Eltern. Finanzen, Haushalt, Verpflichtungen, gesellschaftlicher Druck und noch Vieles mehr. Alles schön und gut, liebe Eltern. Aber bitte glaubt bloß nicht, dass die frühe Trennung vom Kind irgendeinen pädagogisch wertvollen und wissenschaftlich belegten Vorteil für die Entwicklung eures Kindes bietet. Im Gegenteil, die Kinder verlieren oft das Urvertrauen und resignieren nicht selten. Sie beugen sich den Gegebenheiten und wehren sich kaum oder nur unterschwellig. Dies zeigt sich in Form von Schlafstörungen und Verhaltensauffälligkeiten diverser Art.  Dann heißt es, das Kind ließ sich super eingewöhnen in der Kita oder es schläft ohne einen Mucks in seinem Zimmer ein. Ja, was bleibt dem Kind denn sonst übrig? Sich gegen etwas nicht mit Tränen, Händen und Füßen zu wehren bedeutet nicht, dass es dem Kind damit gut geht.
Wo bleibt denn eure elterliche Intuition? Wenn ich genauer nachfrage, höre ich doch eine leise Stimme in euch, die euch bestätigt, dass diese „je früher desto besser“ Mentalität nicht richtig ist – und zwar für kein Kind!!!
Wie wäre es, wenn wir endlich aufhören, mit dem Strom zu schwimmen und somit gegen unserer inneren Stimme? Warum schließen wir uns nicht in Gemeinschaften die einander unterstützen zusammen, wie in den Mehrgenerationsfamilien von früher. Die Kinder können im normalen Alltag eingebunden werden und mitlaufen. Sie brauchen keine vorgegebenen Spielchen und Belustigungsprogramme, sie wollen Teil der Gemeinschaft sein und etwas bewirken. Sie müssen auch nicht mit Gleichaltrigen spielen um sozialisiert zu werden. Wir sind ja auch nicht ausschließlich mit Gleichaltrigen befreundet. Die effektivste und beste Sozialisation des Kindes findet in den ersten 6 Lebensjahren direkt in der Ursprungsfamilie statt. Alles andere führt zur Irritationen und Entfremdung. Wir möchten doch  alle, dass der Nachwuchs selbstbestimmt, selbstbewusst, empathisch, gebildet und rücksichtvoll heranwächst, nicht wahr?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sehr schwer ist, gegen den Strom zu schwimmen und ausschließlich seiner Intuition zu vertrauen. Mit einem Vierjährigen am Vormittag durch den Supermarkt einzukaufen oder auf leergefegten Spielplätzen zu spielen und ständig  Fragen wie  „Na, kleiner Mann, bist du heute nicht in der Kita?“ oder „ Ist er heute krank?“ oder „Oh du Armer, ist es dir denn nicht langweilig Zuhause bei der Mama?“ oder mich vorwurfsvoll auf die verpasste Sozialisationschancen hinzuweisen, hat mich oft nachdenklich gestimmt.
Die Zeit wo die Kleinen auf unsere Hilfestellung und Begleitung angewiesen sind ist sehr kurz. Wir sollten diese Zeit genießen, statt sie mit Terminen und Unterbringung der Kinder zu verbringen.